
Ekelund Handtuch - Hälge
Seit Jahrhunderten ist es in Dänemark Brauch, am
Weihnachtsabend einen Teller Brei für den "Nisse", einen
uralten, geheimnisvollen Kobold, bereitzustellen.

Der
Nisse, ein Kobold, ist alt, aber rüstig, er ist nicht gross,
dafür aber ist er stark. Ein knorriger Greis, nicht ohne
Humor, bescheiden und einfach lebend, hilfreich, wo er geachtet wird,
doch mürrisch, ja vielleicht sogar gefährlich, wenn
man ihn übersieht. Sein grobes Lodengewand, Hose und Jacke aus
ungebleichtwer Wolle, ist grau, die Mütze rot. Und die
Mütze sieht man gerade dann, wenn er verschwindet. Er ist
uralt – so ungefähr viertausend Jahre. Selbst weiss
er das gar nicht. Für einen Nisse ist alles schon lange her.
Nach all den vielen langen, kalten Nächten in Ställen
und Scheunen plagt ihn vielleicht die Gicht, aber noch immer ist er ein
richtiges Mannsbild.
Es gibt Darstellungen von
Nissefrauen, ja sogar von Nissemädchen in ganz kurzen
Röcken. Das ist nissegenerisch absurd. Nissekobolde sind keine
Frauen, die haben kein Familienleben, Punktum.
SCHLECHTE
ZEITEN FÜR WEIHNACHTSNISSEN
Nisse
ist er seit altersher, Weihnachtsnisse aber erst seit etwas hundert
Jahren. In jüngster Zeit sieht man im Dezember viele,
unglaublich viele Weihnachtsnissen. Deshalb sind wohl die Zeiten jetzt
für so viele schlecht, dass sie feste Arbeit annehmen
müssen: sie tragen Preistafeln, verkaufen Krawatten im
Warenhaus und empfehlen Spielzeug, das allzu schnell aus dem Leim geht.
Die Rolle scheint ihm nicht zu passen. Warum soll er den
Weihnachtsverkauf fördern, warum ist er ein Weihnachtsnisse,
warum eigentlich überhaupt Nisse? Die Weihnachtsglocken
läuten, aber niemand hat den Nisse vor dem Christkind knien
gesehen. Er dürfte nicht zu der Seite
gehören.
Die Geschichte des Nisse
verliert sich in heidnischem Dunkel, und wie bei allem aus jenen
dunklen Zeiten trauen wir uns nicht, etwas ganz bestimmtes zu wissen.
Allerdings versetzt das Dämonische im Winterdunkel unsrer
fernen Vorväter gewisse Saiten in uns in leise Schwingungen.
DAS
GLÜCK DES HAUSES HING VON IHM AB
Denn
wenn der Nisse früher auch zum Bauernhof gehörte, ein
Hauskobold, der unsichtbar dahinlebte oder nur selten im Haus zu sehen
war, aber dabei das Glück und Schicksal des Hauses bestimmte
und daher das ganze Jahr zugegen war, gehörte er ganz
besonders dem tiefen Winter an. Somit gehörte er
später auch zu Weihnachten, "Jul", das so uralt, so heidnisch
und so ganz finster ist, dass man im Norden kaum zu glauben wagt, die
Sonne könne je wieder scheinen.
Der
Hauskobold wohnte in jedem Haus mit einem Herd, einer Feuerstelle.
Vielleicht war er eigentlich jener Vorvater, der tot im Hügel
auf dem Feld begraben und doch dafür sorgte, dass alles nach
den Gesetzen des Lebens weiterlief. Etwas in seinem Charakter
könnte darauf deuten: hilfreich, solange alles nach seinem
Kopf ging, aber auch mürrisch wie ein abgedankter,
überhörter Greis. Er war einer von den
Mächten, er war von der anderen Seite. Manche sehen eine Hausgott
in ihm, einen Überrest des Ahnenkultes, andere den
leibhaftigen Teufel. Nur wir fühlen etwas Unvereinbares in
diesen scheinbar so widerspruchsvollen Ursprungsquellen; für
den, der verstand und keine Erklärungen brauchte, konnte er
ohne weiteres das Ganze sein.
Vielleicht erging
es ihm so, wie es auch lichteren Göttern erging: Als neue
Götter kamen und ihre Macht gestärkt werden musste,
hatten die alten das Vorzeichen zu ändern und mussten zu
Teufeln werden. Aus neuerer Zeit weiss man, dass der Nisse in einem
gewissen Verwandtschaftsverhältnis zum Bösen selber
steht. Nis ist der gleiche Name wie Niels, und will man auf
Dänisch den Teufel nicht beim Namen nennen, so spricht man von
Ihm als Alter Niels...
EIN FEST
FÜR DAS DUNKEL
Gewiss, Weihnachten,
"Jul", ist ein christliches Fest, zu Weihnachten feiern wir Christi
Geburt. Hierzulande gab es aber schon ein Jul, bevor das Christentum
kam, udn es ist noch nicht ganz sicher, dass es je mehr christlich als
heidnisch geworden ist. Manche meinen, das skandinavische Wort jul
bedeutet hjul, das Wort für Rad
– das Sonnenrad, die Sonnenwende, dass die Sonne umwendet und
zurückkehrt. Man feierte – und feiert –
die Wiederkehr des Lichtes. Doch dahinter und darunter meint ein kluger
alter Forscher ein uraltes Fest für das Dunkel
zu sehen, für die Toten, für die Finsternis, die sie
verbirgt und uns alle bedroht. Gerade gegen Weihnachten haben die Toten
ihr Stelldichein, gerade gegen Weihnachten gedenkt man ihrer, und auf
den Gräbern, oder wo man sie zugegen glaubt, erhalten sie
kleine Opfergaben. Dieses Totenfest ist seit alten Zeiten über
die ganze Erde verbreitet; der katholische Ellerseelentag ist eine
moderne Form. Einen Rest dieses Festes findet man vielleicht in der
grösseren Aufmerksamkeit, die man dem Nisse zur Weihnachtszeit
erweist.
AUF ZAHLLOSEN
WEIHNACHTSKARTEN
Noch vor etwa
fünfzig Jahren stellte man in der Weihnachtsnacht
einen Teller mit Haferbrei, jene tausendjährige Speise, die
erst diese Generation als Hauptnahrungsmittel aufgegeben hat,
für den Nisse bereit, und zahllose Weihnachtskarten zeigen
dieses Bild. Nur wenige haben den Nisse gesehen, aber wir wissen alle,
wie er ausschaut. Vielleicht ist der Bart etwas länger, sind
die Beine etwas kürzer geworden, seit ich ihn zuletzt erblickt
habe.
In der Julnacht, in der die Toten
umgingen, sollten alle Lebenden sich innerhalb ihrer vier
Wände halten. Wer unter freiem Himmel blieb, konnte auf die Asgårdsreise
mitgenommen werden, im sausenden Zug der Toten, der unter der
Führung des Todesgottes selbst, Odin,
über das Land hinwegbrauste. Da kam die Sippe des Nisse! Erst
nach Mitternacht wagte man sich aus dem Haus, um mit brennenden Fackeln
der neuen Sonne entgegenzugehen, in späteren Zeiten, um sich
in der Kirche zur Christmesse zu versammeln, die so grosse Bedeutung
hatte, dass sie dem angelsächsischen Weihnachtsfest den Namen
gab, Christmas, und dass dieses Christmas am Morgen nach der Julnacht
gefeiert wird. Der deutsche Name, Weihnacht, könnte darauf
deuten, dass man der Nacht selbst die grösste Bedeutung
beimass.

WEIHNACHTSNISSE
UND WEIHNACHTSMANN
Die Zeiten ändern
sich, die Sitten werden milder. Jetzt ist der Nisse nichts als Schmuck
im Kinderzimmer und Erster Verkäufer im Kaufhof, im grossen
Warenhaus. Dort kämpft er mit einer anderen Gestalt um die
Gunst der Kinder – mit dem Weihnachtsmann.
Hierzulande fällt es auch Erwachsenen nicht leicht, den
Unterschied zwischen den beiden zu sehen. Sie sind
hauptsächlich verschieden gross. Ausserdem ist der
Weihnachtsmann in der Welt draussen bekannter, mancherorts als Santa
Claus. Der Nisse war nie sehr unternehmungslustig, er ist ein
nordischer Stubenhocker. Santa Claus hat ein ganz anderes Tempo, sein
Flug über die Arktis, die erste Nordpollinie der Welt,
imponierte den Amerikanern ungemein. Santa Claus ist dem Nisse in
vielem ähnlich, gleicher Bart, gleiches Gewand, auch wenn er
im Schnee nicht mit Holzpantoffeln gehen kann, aber verwandt sind die
beiden nicht. Der Nisse ist ein Kobold, Santa Claus ein Heiliger.
Und
doch wollen manche behaupten, die Verwandtschaft zwischen Nisse und
Weihnachtsmann sei grösser als zwischen Weihnachtsmann und
Santa Claus, dem Heiligen Nikolaus, dem Nikolo der
Österreicher. Denn was tut der Weihnachtsmann in der
Weihnachtsnacht? Gleitet er nicht, in den Lüften schwebend,
von acht Beinen gezogen, über die Eiswüste,
über Jotunheim, über das Reich
der Toten? Sollte er etwa gar hinter seinem vertrauenweckenden
Wattebart in Wirklichkeit der leibhaftige Odin
auf seinem achtbeinigen Pferd sein? Auf alten deutschen Darstellungen
des Krampus, dem Begleiter des Nikolo, sieht er beinahe so aus
– mit der Rute in der Hand, um die schlimmen Kinder zu
strafen. Mehr als dem Sankt Nikolaus traut man ihm zu, dass er selbst
auf die Idee verfallen würde, im Schlitten durch die
Lüfte zu reisen. Was weiss der Heilige Nikolaus, der Santa
Claus, denn eigentlich vom Schnee? Wenn der Engländer Old Nick
sagt, meint er den Teufel, den alten, gestürzten Gott.
Das
ist aber eine andere Geschichte, und vielleicht ist sie gar nicht ganz
wahr. Wahr ist, dass der Nisse heutzutage zur Weihnachtszeit etwas
vollauf Wirkliches für Kinder und kindliche Seelen sowie
für alle anderen ist, die Weihnachtseinkäufe machen.
Und das wird er noch lange sein, bis er eines Tages kündigt,
das Geschäft verlässt und sich ganz allein dorthin
begibt, woher er gekommen ist.
Text und
Zeichnungen: Ib Spang Olsen Quelle: Daenische
Botschaft Berlin



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